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Gegen die boese Absicht

Es ist eine ziemlich sperrige Formulierung, in der sich die Furcht vieler promovierter Politiker wiederspiegelt: Kollaborative Plagiatsdokumentation. Es geht um die Online-Plattform VroniPlag Wiki, die nacheinander die Doktorarbeiten von FDP-Strahlefrau Silvana Koch-Mehrin und Stoiber-Tochter Veronica Saß als mehr oder weniger plumpe Collagetexte entlarvt hat.

Neue Arbeit für VroniPlag

Aktuell werden bei VroniPlag zwei weitere Dissertationen genau unter die Lupe genommen. Zum einen handelt es sich um die Arbeit des FDP-Europaabgeordneten Jorgo Chatzimarkakis. Hier finden sich – Stand heute – auf gut einem Viertel der 200 Seiten Plagiate. Die zuständige Universität Bonn hat ein Prüfungsverfahren eingeleitet, Chatzimarkakis spricht von verschiedenen Zitierweisen, die er angewandt habe. Pikant:

Jorgo Chatzimarkakis ist gewissermaßen selbst ein Plagiatsjäger. Der Kampf gegen die „Verletzung der Rechte geistigen Eigentums“ ist auf seiner Homepage unter dem Schlagwort „Meine Themen“ aufgeführt. „Wissensklau verhindern“ lautet die Forderung des FDP-Europaabgeordneten.

Zum anderen widmen sich die ehrenamtlichen Mitglieder der Plattform der Dissertation von Matthias Pröfrock. Der im März gewählte CDU-Landtagsabgeordnete aus Waiblingen hatte im Jahr 2007 an der juristischen Fakultät der Universität Tübingen über „Energieversorgungssicherheit im Recht der Europäischen Union“ promoviert. Derzeitiges Zwischenergebnis: Auf 50% der Seiten sind Plagiate entdeckt worden.

Pröfrock selbst scheint aus den Fehlern des ehemaligen Verteidigungsministers Karl-Theodor zu Guttenberg wenig gelernt zu haben. Anders ist sein Statement zu den Vorwürfen – ebenfalls vermerkt bei Vroni-Plag – schwer zu erklären.

Er habe, nachdem er am Wochenende von den Vorwürfen erfuhr, zunächst seine Dissertation selbst einmal durch die Überprüfungsmaschine „PlagScan“ im Internet gejagt. „Da stellte ich mögliche Fehler im einstelligen Bereich fest.“ Dies habe ihn zum Handeln veranlasst. Er informierte umgehend die Universität, um Schaden von dieser abzuwenden und seine Glaubwürdigkeit nicht zu verlieren. Zudem werde damit „selbst ernannten Wissenschaftskritikern“, die andere „anonym im Internet verunglimpfen“, das Heft aus der Hand genommen. Man wisse ja schließlich nicht, wer hinter dieser Plattform VroniPlag steckt und welche politischen Motive die Blogger dort antreiben, so Pröfrock. „Da werden einem Fehler von anonymer Seite vorgeworfen und es wird einem gleich eine böse Absicht unterstellt und daraus sofort ein charakterliches Defizit abgeleitet. Das ist persönlich schon sehr verletzend.

Gegenwind für CDU-Mann kommt aus unerwartetet Richtung

Auf den ersten Blick scheint Pröfrocks Einwand gar nicht so falsch. Denn es scheint sich ein Modell abzuzeichnen, sei es bei Guttenberg, sei es bei Koch-Mehrin. Aus einem Anfangsverdacht werden schnell handfeste Hinweise auf Plagiate in den untersuchten Dissertationen. Die ursprüngliche Zuständigkeit der jeweiligen Universität greift nicht mehr – und damit geht die Chance der Betroffenen, den Plagiatsskandal schlichtweg auszusitzen, verloren. Für die Medien interessant bleiben – und das haben alle Beispiele der letzten Wochen eindrucksvoll gezeigt – die Plagiatsfälle in erster Linie aufgrund ihrer Aktualität und der schnellen Aufklärungsgeschwindigkeit, die kein universitärer Prüfungsausschuss so umsetzen könnte.

Und wer verbirgt sich nun hinter der VroniPlag-Plattform, deren Prototyp GuttenPlag Wiki nun gewissermaßen als endgültiges Zeichen der Akzeptanz den Grimme Online Award 2011 erhalten soll?

Einen sehr aufschlussreichen Beitrag hierzu liefert nun die Frankfurter Allgemeine Zeitung mit der Reportage „Jagd auf Plagiatoren – Die Scanner“. Aus nachvollziehbaren Gründen bleiben die genannten Mitarbeiter von VroniPlag zwar anonymisiert, gleichwohl liefert der Text viele interessante Antworten auf die von Pröfrock stellvertretend formulierten Vorwürfe und Fragen.

Doch für Goalgetter ist das entscheidend. Er will das System aufdecken, das er hinter den Plagiatsfällen vermutet, ein System der Klüngelei und der Paktiererei zwischen Politik und Wissenschaft, und er verzweifelt an denen, die so etwas hinnehmen. Er empfindet zwar das „ganze Parteiensystem“ als „krank“, gegen zu Guttenberg als Person oder als CSU-Politiker habe er aber nichts gehabt, sagt er. „Ich fand ihn frisch, er kam mir akkurat vor. Ich habe mich – wie die meisten – täuschen lassen.“ Er habe bis Februar nicht einmal gewusst, dass zu Guttenberg einen Doktor habe.

Auch der Ausblick des VroniPlag-Mitglieds liest sich für den Landtagsabgeordneten Pröfrock mit Sicherheit wie die Ankündigung eines vernichtenden Urteils:

Goalgetter (…) hat andere Pläne. Er möchte, dass der baden-württembergische CDU-Landtagsabgeordnete Matthias Pröfrock zurücktritt, dessen Doktorarbeit derzeit nach einem Hinweis von „Vroniplag“ von der Universität Tübingen geprüft wird. Weitere Fälle, sagt er am Telefon, seien schon in Arbeit.

So fällt es ausgesprochen schwer, an ein politisches Überleben von Matthias Pröfrock zu glauben. VroniPlag wird auch ihn zu Fall bringen.

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Eine Antwort zu “Gegen die boese Absicht

  1. Pingback: UNI UND URLAUB. | hirnrausch

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