Der rabenschwarze Kanal

Die Idee hinter dem Kolumnenkanal S.P.O.N. ist im Prinzip gut. Fünf verschiedene Autoren teilen sich an fünf verschiedenen Wochentagen der Welt mit. Sascha Lobo schreibt über das Internet und über Netzpolitik, Jakob Augstein nähert sich aktuellen Themen von links. Sibylle Berg erzählt meistens über Frauen und Männer und ihre Probleme miteinander und Georg Diez beschäftigt sich mit Medien und Kultur. Der Mann für den Montag ist Jan Fleischhauer. Serviert wird durch den „Schwarzen Kanal“.

Fleischhauer ist überaus streitbar und deshalb in aller Regel entweder geliebt oder verhasst. Für sein Buch „Unter Linken – Von einem, der aus Versehen konservativ wurde“ erhielt er hauptsächlich dürftige Kritik. Gut fanden sein Werk Henryk M. Broder und die FDP-nahe Friedrich-Naumann-Stiftung. Die hat Fleischhauer ihren in der Zwischenzeit offenbar nur noch alle zehn Jahre verliehenen Journalistenpreis zugesprochen.

In der Begründung hieß es im vergangenen Jahr, der Spiegel-Autor habe sich durch besonderes Engagement im Sinne des politischen Liberalismus von Karl-Hermann Flach (1929-1973) hervorgetan. Wenn man die heutige Kolumne Fleischhauers für S.P.O.N. liest und erneut den Maßstab der Flach-Leute anlegt, stellt man sich unweigerlich zwei Fragen. Hat Karl-Hermann Flach möglicherweise Liberalismus mit Dogmatismus verwechselt? Dafür spricht nichts. Verwechselt Jan Fleischhauer möglicherweise Liberalismus und Dogmatismus? Dafür spricht deutlich mehr.

Die arme Silvana

Der Text handelt von der Politikerin Silvana Koch-Mehrin, ihrem aberkannten Doktortitel und der Forderung an die FDP-Frau, ihr Mandat im Europäischen Parlament als finales Eingeständnis der eigenen Schuld niederzulegen. Wo Fleischhauer am Ende seiner Argumentation stehen möchte, kann die Überschrift nicht auflösen. „Gerechtigkeit für Silvana Koch-Mehrin!“ steht dort – vielleicht soll der Leser hier geködert werden. Geködert und schließlich hineingezogen in eine diffuse Anklage, ein bisschen gegen die Wissenschaft, ein bisschen gegen kleinliche Bürger, ein bisschen gegen die linke Studentenschaft. So wird selbst der AStA irgendwie mit einbezogen in diesen seltsamen Vorwurf, dem vor allem eines fehlt. Jemand, dem er gemacht werden könnte.

Der Reihe nach. Fleischhauer beginnt – nach dem laschen Festhalten irgendeiner Art von Schuld bei collagierten und erschummelten Promotionen – mit einer ersten Spitze gegen die Betreiber von VroniPlag:

Wer beim Schummeln erwischt wird, ist seinen Titel schnell wieder los. Dafür sorgen schon die fleißigen Helfer bei „VroniPlag“, die in stundenlanger Arbeit nach anstößigen „Stellen“ suchen, statt den Hund auszuführen oder das Unkraut im Garten zu jäten. Tatsächlich kommt man in Deutschland heute als Politiker eher mit gewohnheitsmäßiger Untreue als mit der unzulässigen Abkürzung beim Erwerb eines akademischen Grades durch. Bei Guttenberg ließen die Plagiatsjäger erst ab, als er sein Amt als Verteidigungsminister niedergelegt hatte; auch bei Koch-Mehrin ist die Sache noch nicht ausgestanden, wie sich zeigt.

Der Rahmen einer Kolumne ist begrenzt, aber dermaßen einfach sind die Dinge nicht. Mal davon abgesehen, dass man durchaus darüber streiten kann ob die bewusste Täuschung bei einer Promotion schlicht eine „Sache“ ist; Fleischhauers Thesen zum Fall Guttenberg(s) sind schlichtweg falsch. Der Rücktritt des Verteidigungsministers erfolgte am 01. März dieses Jahres. Die Arbeit des GuttenPlag Wikis endete am 03. April, also mitnichten in unmittelbarem Anschluss an das politische Ende des CSU-Politikers. Vielmehr ist Guttenberg letztlich an seinen hohen, selbst aufgestellten moralischen Maßstäben gescheitert, die ganz offenkundig bei ihm und der Frage nach seiner Schuld nicht gelten sollten. In diesem Zusammenhang nach wie vor sehr lesenswert: Der Artikel in der FAZ über die Betreiber von GuttenPlag und VroniPlag. Man darf davon ausgehen, dass auch Jan Fleischhauer diesen und ähnliche Texte kennt. Scheinbar passen sie an diesem Montag aber nicht zu seiner Argumentationslinie.

Die kleinlichen Deutschen

Nachdem Koch-Mehrin nun alle Führungsämter aufgegeben hat, bleiben Forderungen nach ihrem endgültigen politischen Ende und einem Verzicht auf ihr Mandat im europäischen Parlament. Dem Spiegel-Autor geht das zu weit:

Ein paar besonders eifrige Aufpasser verlangen auch den Verzicht auf das Abgeordnetenmandat. Koch-Mehrin habe sich der Wählertäuschung schuldig gemacht, weil sie auf Plakaten den Doktortitel geführt habe, heißt es zur Begründung. Nun ja. Die Deutschen sind bekanntlich die Nation der Dichter und Denker, aber in diesem Fall den Wahlerfolg auf den akademischen Rang zurückzuführen, misst der Überzeugungskraft des „Dr.“ vor dem Namen vielleicht doch etwas zu viel Bedeutung bei.

Der zweite Teil stimmt mit Sicherheit. Aber hat das denn überhaupt irgendjemand ernsthaft (mit dieser Begründung!) gefordert? Verlinkt ist diese Äußerung im Text nicht. Und sowohl mir als auch Google ist das neu. Die Newssuche liefert ein Ergebnis in 0,04 Sekunden. Das Internet ist mitunter gnadenlos.

Die scheinheilige Wissenschaft

Nach kurzem Verständnis für die Wut und den Ärger der Doktoranden über Angela Merkels anfängliches Lavieren in der Causa Guttenberg, kriegt die Wissenschaft ihr Fett weg. Ein radikal vereinfachtes Prüfungsverfahren sei der Nährboden für Plagiate und Betrug. Fleischhauer formuliert hier:

Es ist über die Zeit etwas in Vergessenheit geraten, aber eine der großen Innovationen des Hochschulwesens ist ein radikal vereinfachtes Prüfungsverfahren, das auch Außenseitern den Aufstieg ermöglichte. (…) An die Stelle der klassischen Habilitationsschrift traten in vielen Fachbereichen „habilitationsähnliche Leistungen“, womit nun schon ein Bündel verstreut publizierter Aufsätze reichte, um als Professor an eine deutsche Universität berufen zu werden.

Diese Behauptung ist in ihrer begnadeten Einfachheit – nach meinem bisherigen Wissen über Universitäten, Professoren und ihre Lebensläufe – falsch. Und inwiefern ein vereinfachtes Prüfungsverfahren in Verbindung mit den Betrugsfällen der vergangenen Monate zu bringen sein soll, ist mir auch schleierhaft. Aber dass Jan Fleischhauer Probleme mit der Unterscheidung von Habilitation (Professor werden) und Promotion (Doktor werden) hat, überrascht mich dann doch ziemlich.

Der schmuddelige AStA

Bleibt noch die letzte Institution, die Fleischhauer mit in seine kleine Anklage ohne Angeklagten zu bringen versucht. Es ist der Allgemeine Studierendenausschuss, bekannter als AStA. Der AStA ist politisch eher links zu verorten und beherbergt – zumindest in einer kleinen Stadt am Neckar – einige Leute, die sich bemerkenswert wichtig nehmen. Um genau zu sein: Wichtiger, als sie tatsächlich sind. Deshalb gefällt ihnen Fleischhauers Überhöhung mit Sicherheit.

Bis heute entscheiden an vielen Hochschulen die im AStA organisierten Studenten über die Besetzung von Professorenstellen mit, was den unbestreitbaren Vorteil hat, auch diejenigen auf begehrte Lebenszeitstellen zu hieven, deren wissenschaftliches Engagement sich eher politisch manifestierte.

Das passende Ende

Manchmal ist es doch hilfreich, sich der Vergangenheit zu erinnern – zumal, wenn sie noch nicht ganz so vergangen ist. Die gestiegene Bezichtigungsbereitschaft erwächst nicht selten aus einem Manko, das man gerne vergessen machen würde. Empörung wirkt immer auch selbstentlastend.

Während Fleischhauer sich in metaphysischen Fragen von Raum und Zeit verliert, ist der Redaktion beim Korrekturlesen noch etwas aufgefallen:

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Textes hieß es, Silvana Koch-Mehrin habe ihre Ämter in Brüssel aufgegeben, nachdem die Heidelberger Universität ihr den Doktortitel aberkannt habe. Tatsächlich trat sie nach der Ankündigung der Uni Heidelberg, ihre Doktorarbeit zu überprüfen, von ihren Ämtern zurück. Am 15. Juni gab dann die Universität bekannt, dass ihr der Doktortitel entzogen wird. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

Das ist nun wirklich kein Problem.

Nachtrag, 05. Juli 2011: Wikipedia bemerkt zum Berufungsverfahren von Professoren, dass Studierenden meist nur im Falle von Uneinigkeit größere Bedeutung zufalle. Der Gedanke, ein paar AStA-Vertreter würden ihnen passende Professoren auf die jeweiligen Lehrstühle hieven, hat mich kaum noch losgelassen.

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