MARTHA’S VINEYARD 2.

Die ganze Insel war in gespannter Erwartung dessen, was da kommen sollte. Am Freitag Marktbesuch im naechsten Ort, es gab Werbebotschaften wie „As Irene is about to come – buy our food“, es gab eine Band, die aufgespielt hat. Einmal spielten sie tatsaechlich „Like a hurricane“. Danach Abstecher in den Suedwesten der Insel, Menemsha, wo es tolle Straende (Bilder: seetheseaisgreen.wordpress.com) und guten Fisch gibt. Zurueck im Hostel: Alle sind sehr entspannt. Wann kommt Irene?

Fruehstucksdebatten

Eigentlich ist es so: Wenn ich etwas hasse, dann sind das unnuetze Worte am Morgen. Smalltalk, Traumerzaehlungen, im Grunde Gespraeche jeder Art. Dafuer scheint mir der Anfang eines Tages nicht gemacht. Seltsamerweise ist das hier anders.
Mit Tom also, der mittlerweile fast so etwas wie ein Freund geworden ist, interessante Gespraeche am Fruehstuckstisch. Keine ganz leichte Kost: Vietnamkrieg, Atomkraft, europaeische Idee. Danach macht der Lehrer Yoga und die Studenten rauchen eine Zigarette.
Sturmvorbereitungen im Hostel: Stuehle werden aus dem Garten nach drinnen gebracht, Wasser und Oellampen werden besorgt. Lee ist Bibliothekar in Harvard und mit seiner Familie heute angekommen. Sie muessen so ziemlich die einzigen Menschen auf der Faehre gewesen sein. Seine Herangehensweise: „So lange es nicht regnet, bereite ich mich nicht auf Regen vor.“

Ein Tag mit Irene

Die Nacht zum Sonntag ist recht ruhig, der Wind wird nur langsam staerker, es regnet leicht. Vielleicht ist auch das Teil der amerikanischen Herangehensweise: Die Dinge werden groesser gemacht als sie sind. Das scheint bei Stuermen genauso zu sein wie bei Hobbies und Fastfoodketten („I love it). In jedem Fall enttaeuscht uns dieser Jahrhundertsturm bisher gewaltig.

Am Sonntagmorgen geht es dann langsam los. Der Radar verraet in der Zwischenzeit: Der Hurricane ist zum Tropensturm herabgestuft und deutlich weiter westlich als urspruenglich erwartet. Tom will nach wie vor zum Strand.

Um die Mittagszeit ist klar: Dieser Sturm ist heftig. Aber es ist kein Jahrhundertsturm. Es bildet sich eine herrlich verschrobene Truppe, die sich auf den Weg zum Meer macht: Tom als Pionier und Anfuehrer. Nick aus England, der gerade sein Mathematikstudium abgeschlossen hat und widerwillig ein Buch von seiner Freundin liest. Es sei unbeschreiblich schlecht, meint er. Dann noch eine Frau aus New Hampshire, die sehr wenig spricht und deren Namen weder Sebastian noch ich erinnern. Wir komplettieren schliesslich die Gruppe.


Am Strand ist es dann ploetzlich doch ein grossartiger Sturm. Die Wellen sind gigantisch, unglaublich starker Wind weht Salz und Sand durch die Luft. Sebastian fotografiert, die anderen staunen und halten sich fest.

Guter Witz auf dem Rueckweg:
„Tom, wird Obama 2012 wiedergewaehlt?“
„Ich denke schon, wenn er nicht erschossen wird.“

Aquinnah und Alley’s Store

Aquinnah, ganz im Suedosten der Insel gelegen, als etwas abgeschiedener Teil von Martha’s Vineyard. Kleine Fischrestaurants, teilweise steile Klippen, steinige Straende. Stelle fest, dass keiner badet und beschliesse, baden zu gehen. Verliere einen meiner Flip-Flops im Wasser und kehre dem Meer unter Sebastians Gelaechter den Ruecken. Etwas spaeter: Ein Amerikaner findet das Teil und gibt es zurueck. Ein freundliches Volk.

Alley’s Store, zwei Meilen vom Hostel entfernt, als Dreh- und Angelpunkt unserer Ausfluege. Tante Emma wuerde sich freuen. Man sagt dem Busfahrer: „Lass uns bei Alley’s Store raus“. Wirkliche Haltestellen gibt es auf dieser Insel nicht, auch das Teil ihres Charmes.

Nach fuenf Tagen auf Martha’s Vineyard morgen lange Bustour nach Bar Harbor, wo der Acadia National Park auf uns wartet.

Nachtrag: Es schwingt fast ein wenig Pathos mit, wenn Tom kurz vor unserer Abreise seine Morgengymnastik unterbricht um sich zu verabschieden. „It was nice to meet you, guys“, sagt er, „you’ve been a credit to your country.“

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