EPILOG.

Wir fahren in ein kleines Staedtchen im US-Bundesstaat New York, wo ein guter Freund von uns studiert. Im Bus treffen wir einen in die Jahre gekommener Typen, der Kevin heisst und sich „Uncle Chicken Bone“ nennt: Er ist Musiker, sagt er, er hat viel Geld durch Immobiliengeschaefte verdient, sagt er, er kann jede Frau in Geneva haben, sagt er. Man muesse die Maedels einfach staendig zum Lachen bringen, sonst fangen sie das Reden an. Dann lacht er selbst laut und dreckig – und redet weiter. Und wie er sich da in diesem abgeranzten Greyhoundbus in eine Lobeshymne auf sich selbst steigert, hat man unweigerlich das Gefuehl, dass die Zeiten, von denen er schwaermt, vorbei sind. Vielleicht verraet ihn eine seiner wenigen Fragen an uns: „What the hell are you guys doing in Geneva?“

Die Universitaet der Stadt hat etwas mehr als zweitausend Studenten. Pittoreske Haeuschen am See, neben den Booten der Universitaet. Sauber gepflegte Plaetze, Rugby, Fussball, Football, Lacrosse, Leichtathletik. Zu jeder Sportart eine eigene Sportanlage. Den Verbindungen gehoeren die schoenen Haeuser an der Promenade, die Bibliothek ist im Grunde ein grosser und erhabener Apple-Store. Es ist ein bisschen, als habe man Walt Disney den Auftrag gegeben, eine kleine und schmucke Studentenstadt zu entwerfen. Ein amerikanischer Student muss hier 25.000 Dollar im Semester bezahlen. Und auch wenn viele ein Stipendium haben, merkt man, dass die Universitaet jede Menge Geld in die Stadt sprudelt.

Mit dem Feiern laeuft es immer gleich ab, sagt man uns. Unter der Woche viel Arbeit und viel Lernen. Freitag und Samstag dann mit dem Ziel des groesstmoeglichen Rausches. Auf Hauspartys, Verbindungsfesten oder in einer der Bars, die es in Geneva gibt. In der „Side Show“ verkaufen sie Whiskey-Cola und Wasser fuer zwei Dollar. Dummerweise im selben Glas.

Im Fernsehen, im Abendprogramm von CNN zweifelt Michelle Bachmann von der Tea Party die Evolutionstheorie an und verweist die Erderwaermung ins Reich der Maerchen. Die Frau hat durchaus Chancen, Praesidentschaftskandidatin der Repulikaner zu werden. Und das ist dann wieder einer der Momente, in denen man unweigerlich denken muss: Wo bin ich hier eigentlich gelandet?

Schlendern ueber das Unigelaende, ohne wirklich etwas zu tun zu haben: Staendig vorbei an irgendeiner Trainingseinheit von irgendeinem Collegeteam. Langweilig wird den Studenten hier bestimmt nicht (was man von uns in den vergangenen Wochen nicht immer behaupten kann). Erstaunlich unterhaltsam: Ein Rugbyspiel der Damenmannschaft.

Niagara Falls

Schliesslich Tagesausflug zu den Niagarafaellen direkt an der Grenze von Kanada und den Vereinigten Staaten. Auch wenn wir auf der kanadischen Seite sind: Vollkommen ueberlaufen und eine einzige grosse, blinkende Touristenfalle. Die Strasse direkt neben dem Wasser, damit man die Faelle auch vom Auto aus sehen kann. Casinos, Fahrgeschaefte, ein Riesenrad. Vielleicht so wie man sich Las Vegas vorstellt, wenn man sich Las Vegas eher schlimm vorstellt. Das Ganze vor netter Kulisse. Sebastian bringt es auf den Punkt: „Es ist einfach Wasser, das von oben nach unten faellt“.

Nachtrag: Dreitausend Kilometer unterwegs in zwei Laendern. Neun Reisestationen, drei Millionenstaedte, zwei Hauptstaedte. Martha’s Vineyard als grossartige Insel, Montreal als mit Abstand beste Stadt. Etliche Begegnungen, viele Eindruecke, Vielfalt der Menschen und Kulturen ueberall. Kein ausgiebigeres Fazit, denn was Juergen Klinsmann nicht kann, schaffe ich erst recht nicht.