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BAR HARBOR.

Mit Faehre und Bus also vor zwei Tagen in den Nordosten Amerikas nach Maine. Zielort: Bar Harbor, ein uebersichtliches, etwas verschlafenes Kuestenstaedtchen direkt neben dem Acadia Nationalpark. Im suendhaft teuren Shuttlebus (diese Region der USA ist mit oeffentlichen Verkehrsmitteln offenkundig so gut erschlossen wie die laendlichen Regionen Tuvalus) fahren wir mit einem Deutschen. Er ist vom Bodensee, arbeitet in Boston fuer Reebok und ist einer dieser furchtbar jovialen Typen, die schon nach wenigen Minuten mit dir sprechen, als kenne man sich schon ewig. Sein erstes Wort als er mit seiner Frau telefoniert: „Gruessgottle!“ Dann sagt er: „Gibt’s zum Abendessen was mit Fisch? I will was mit Lobschder.“

Hippies und Hummer

Was mit Lobschder also. Lobster ist Hummer und die Spezialitaet in Maine. Unser Hummeressen wird denkbar skurril werden, aber das wissen wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht.
Via Couchsurfing haben wir eine Unterkunft bei Emmy gefunden, die in Bar Harbor irgendwas mit Theater studiert – und irgendwie nicht mehr ganz dicht ist. Es ist eine schoene Wohnung, ein typisches amerikanisches Kleinstadthaus. Tuerkis gestrichen und in der Naehe des Hafens gelegen. Am Abend Hummeressen mit Freunden unserer Gastgeberin. Es ist eine bunte Sammlung von Hippies und Freaks, man kann das nicht anders sagen. Vor dem Essen halten wir uns alle an den Haenden, schliessen die Augen, finden zu uns und danken Mutter Erde fuer die reiche Mahlzeit.

Auf eine seltsame Art scheinen sie barbarisch zu sein, die Hippies von Bar Harbor. Das Kochen von ungefaehr fuenfzehn Hummern ist eine ausgesprochen brutale Angelegenheit. Der weitere Verlauf des Abends im Telegrammstil: Gitarrenspiel und Umarmungen, Verzicht auf jegliches Schuhwerk, die Wiederentdeckung von Achsel- und Beinhaar bei der Dame. Kochen als kollektiver Akt, grausiges Bier, exzellenter Hummer.

Kuechengespraeche mit offenbar psychisch angezaehltem Typen (der waehrenddessen sein I-Phone bedient) ueber das deutsche Gesundheitssystem und die Tea-Party. Allgemeines Erstaunen ueber deutsche Versicherungspflicht, der Name der Bundeskanzlerin zumindest in Bar Harbor nahezu vollstaendig unbekannt. Im Nebenzimmer macht jemand Yoga.

Ich ziehe mich auf die Terrasse zurueck und lese ein bisschen in Capotes „Unerhoerten Gebeten“ (ein ungemein passender Buchtitel zu diesem Zeitpunkt). Sebastian kommt schliesslich und sagt: „Wenigstens muessen wir fuer die Uebernachtungen nichts bezahlen.“ „Wenn das so weiter geht, bezahle ich mit meinem Verstand“, entgegne ich.

Eine Hommage an die 68er

So schlimm kommt es dann doch nicht. Mit dem Abstand eines Tages: Vielleicht ist es so gewesen, in den Kommunen der Sechziger Jahre. Das Gespuer fuer den eigenen Koerper, jeder liebt jeden, der Einzelne ist nichts. Die Hippies hier betreiben eine eigene kleine Farm und wenigstens an diesem Abend sind sie bemerkenswert unpolitisch.

Die besten Zitate:
Platz drei: „Ich denke, dieser Hummer ist das erste Lebewesen, das ich toete.“
Platz zwei: „Wenn ich meine Periode habe, bekomme ich unglaubliche Lust auf Fleisch.“
Platz eins: „Es gibt sehr gutes Bier hier.“

Wandern im Acadia National Park…

Bilder von Sebastian wie gehabt unter http://seetheseaisgreen.wordpress.com.

Quebec ist aufgrund unseres verlaengerten Aufenthalts auf Martha’s Vineyard aus dem Reiseplan geflogen. Sind daher seit mittlerweile vier Stunden in Montreal, Kanada.

Nachtrag: Im Bus nach Boston steht ploetzlich ein Mann auf, steigert sich in eine Art fanatischen Wortschwall, preist die grenzenlose Liebe Jesus Christus‘ und fordert uns auf, unsere eigene Schuld anzuerkennen. Sebastian und ich schliessen fuer einige Minuten mit dem Leben ab und stellen uns auf ein Massaker ein. Der Mann endet schliesslich mit „God bless America“ – und setzt sich wieder. Wir dagegen steigen in Boston sehr zuegig aus.

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Eine Antwort zu “BAR HARBOR.

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