Veröffentlicht am

Tallinn.

Es ist Sonntagmittag und es regnet in Strömen, in der estischen Hauptstadt gibt es keine Gullideckel, deshalb ist alles nass, wir auch. Wir fahren in der ersten Klasse, für die das Ticket ungefähr so viel kostet, wie die Mitnahme eines Fahrrads in Deutschland. Der Zug, eine rollende Hommage an die 1970er Jahre, setzt sich in Bewegung und beendet unseren Besuch in Tallinn. Die offizielle Version: Besuch verschiedener Kirchen und Museen, stundenlanges Schlendern durch die historische Altstadt (Weltkulturerbe!), Kultur, Sightseeing, Kultur.

Blick aus dem Zug: Viele Bäume, viel Grün, ein paar Felder, keine Menschen. Viel Nichts, aber in einem Land, das etwas mehr als eine Million Einwohner hat muss es auch viel Nichts geben. Zuglektüre: Moritz von Uslars grossartiges Buch „Deutschboden“. Der Versuch, das Wesen einer durchschnittlichen deutschen Kleinstadt zu ergründen. Interessant, witzig, tragisch, unterhaltsam.

Zeit- und Ortswechsel: zwei Tage vorher, später Abend. Ein Platz mitten in Tallinn, eine Band hat gespielt und baut gerade ab, es ist rappelvoll. Wer sich über das Trinkverhalten der Jugend in Deutschland beschwert, sollte dringend hierher kommen. Der vollbärtige Obdachlose, der 15-jährige Hipster, die schicke Frau auf hohen Schuhen: vereint durch die Flasche Schnaps zu ihren Füssen (zugegeben eine billige Pointe, aber wahr). Ein Land mit zuwenig Menschen, als dass sich Szenen herausbilden können, meint Benni, deshalb feiern alle zusammen.

Ortswechsel zwei: Gestern Mittag, Fahrradtour durch die Vororte Tallinns. Eine Stadt im Umbruch, Plattenbauten, noblere Wohngegenden, kaputte Wege neben breit und neu asphaltierten Strassen. Sowjetcharme im winzigen Industrieviertel. Die Stadt selbst aber sehr lebendig und gleichzeitig entspannt.

Dann in einem Café in der Altstadt, später Nachmittag. Reiche Russen am Tisch nebenan, alte Deutsche am Tisch hinter uns. Touristen, Touristen, Touristen. Wir trinken unseren Cappucino aus und gehen Kanufahren auf einem Fluss nordöstlich der Innenstadt. Äusserst unterhaltsam und eines wird zügig klar: Jämmerlichere Kanuten hat es in der Geschichte des modernen Rudersports mit grosser Wahrscheinlichkeit nicht gegeben. Im Anschluss Besuch des Yachthafens. Eine Regatta ist gerade zu Ende gegangen, in einem Zelt spielt eine fürchterlich schlechte Band auf. Ein roter Teppich führt zu den Anlegestellen der Schiffe – nettes, teures Spielzeug.

Seit ein paar Stunden in Tartu, in der Mitte Estlands.

Advertisements

Eine Antwort zu “Tallinn.

  1. Pingback: UNI UND URLAUB. | hirnrausch

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s